Julia Mehlich (Moskau/Bonn): Die Ambivalenz des philosophisch-literarischen Rechtsnihilismus in Russland. L. Tolstoj, S. Hessen und A. Rubanov

Abstract

Der Rechtsnihilismus in Russland ist geprägt von einer starken Ambivalenz. Ohne rechtskulturelle Strömungen insgesamt mit diesem Etikett identifizieren zu wollen, manifestiert sich eine Ablehnung des Rechts beispielsweise im Nihilismus von Lew Tolstoi; gleichzeitig enthält er eine Anerkennung in Form eines moralischen Gesetzes („Panmoralismus“) sowie in einer Auffassung von Recht als eines Minimums an Sittlichkeit. Der Kunst wird dabei in Form einer moralisch „ansteckenden Tätigkeit“, eine besondere Rolle beigemessen. Inwieweit die Verlagerung von Rechtsbewusstsein in ästhetische Normaitvität ein besonderes Merkmal der russischen Kultur darstellt, bleibt zu diskutieren. In Fjodor Dostojewskis Romand „Schuld und Sühne“ jedenfalls wird Recht auf eine innere, religiöse Ebene projiziert. 

Die von Frau Mehlich angekündigte Thematik greift damit einerseits die im Kolleg mehrfach geführten Diskussionen um das Verhältnis von Recht zu den Künsten auf, und schreibt dieser Sonderbeziehung zugleich eine bestimmende Kraft für die rechtskulturelle Entwicklung in Russland zu. Traf sich diese Grundierung des Rechts gerade mit dem Ideal normfreier Sozialität, wie es der Sozialismus verkündet hatte?  

Prof. Dr. Julia Mehlich
 

Curriculum Vitae

Julia Mehlich ist Professorin am Lehrstuhl für Philosophie der naturwissenschaftlichen Fakultäten der Staatlichen Lomonosov-Universität Moskau. Nach dem Studium der Philosophie an der Belarussischen Staatlichen Universität Minsk wurde sie 1994 mit ihrer Dissertation „Analyse der theoretischen Ansätze und konzeptionellen Vorstellungen zu ,Frieden‘, ,Gewalt‘ und ,Konflikt‘ in der bundesdeutschen Friedensforschung“ an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. 2002 habilitierte sie sich am Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau mit einer Arbeit über den personalistischen Inhalt der Philosophie L. P. Karsavins. Professorin Mehlich war von 2004 bis 2005 im Rahmen eines Senior Fulbright Scholarship an der Stanford University und 2008 im Rahmen einer DFG-Förderung am Slavischen Institut der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg tätig. Zudem forschte sie von 2009 bis 2010 im Rahmen eines EU-Stipendiums am Institut für Slavistik der Technischen Universität Dresden. 2014 war sie Gastprofessorin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und an der Pontifícia Universidade Católica do Rio Grande do Sul / Universidade Federal do Rio Grande do Sul in Porto Alegre, Brasilien. Seit Januar 2016 ist sie Fellow am Käte Hamburger Kolleg „Recht als Kultur“.