Privatdozentin Dr. Fatima Kastner

Universität Bielefeld

Curriculum Vitae

Fatima Kastner studierte Rechtswissenschaften, Philosophie und Politische Wissenschaft in Frankfurt, London und Paris. 2002 wurde sie an der Goethe-Universität Frankfurt/M. mit ihrer Dissertation zum Thema „Ohnmachtssemantiken: Systemtheorie und Dekonstruktion. Zum Primat der Paradoxie von Luhmanns Systemtheorie und Derridas Dekonstruktion am Beispiel ihrer epistemologischen und rechtstheoretischen Konstruktionen“ promoviert. Anschließend arbeitete Dr. Kastner als Lehrbeauftragte an der Universität Hamburg und als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung, wo sie von 2011 bis 2013 ebenfalls eine Funktion als Senior Research Fellow innehatte. Seit 2010 ist sie Forschungsmitglied des Instituts für Weltgesellschaft an der Universität Bielefeld. Seit 2014 ist Fatima Kastner Ambassador for Science and Culture der Arab-German Young Academy of Sciences and Humanities (AGYA) an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). 2015 habilitierte sich Dr. Kastner mit einer Arbeit zum Thema „Transitional Justice in der Weltgesellschaft“ an der Universität Bielefeld, wo sie seitdem als Privatdozentin an der Fakultät für Soziologie tätig ist.
Fatima Kastner ist Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler akademischer Vereinigungen. Seit 2014 ist sie Sprecherin des Vorstandes der Sektion Rechtssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS). Zudem ist sie als Gutachterin verschiedener Fachzeitschriften und Forschungsinstitutionen tätig.
Für ihre wissenschaftlichen Arbeiten hat sie unter anderem den Adam Podgòrecki Preis durch das Research Committee on Sociology of Law (RCSL) der International Sociological Association (ISA) in der Kategorie “outstanding achievements in socio-legal research“ sowie den Early Career Award der deutschen Sektion der International Association for Philosophy of Law and Social Philosophy (IVR) gewonnen.

Von Januar bis Dezember 2017 war PD Dr. Fatima Kastner Fellow am Käte Hamburger Kolleg „Recht als Kultur“.

Forschungsprojekt

Soziologie der Verfassung:
Gesellschaftlicher Konstitutionalismus in der Globalisierung

Innerhalb der Debatten zum gesellschaftlichen Konstitutionalismus gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, woraus eigentlich die typischen Merkmale einer Verfassung bestehen. Zwar ist unbestritten, dass Verfassungen normative Ordnungen bilden, die nachgelagerte normative Ordnungen instruieren. Ob allerdings Verfassungen notwendig nach dem klassischen politischen Legitimationsmodell der Staatsverfassung gestaltet sein müssen, inwiefern internationale Organisationen, transregionale Wirtschaftsunternehmen oder gar transnational agierende zivilgesellschaftliche Protestbewegungen und NGO’s als „constituent powers“ in Frage kommen oder ob und in welchem Verhältnis die Disjunktion von Staat und Verfassung zu den strukturellen Transformationen einer globalisierten Welt stehen, wird äußerst kontrovers diskutiert.

Das Ziel des Projektes ist es, diesen Fragen nach der Eigendynamik, Funktion und Leistung eigenständiger Rechtsregime in transnationalen und transregionalen Räumen nachzugehen, um eine Soziologie der Verfassung zu entwerfen. Hierfür werden die makrosoziologisch angelegten Weltkultur- und Weltgesellschaftstheorien des Neoinstitutionalismus und der soziologischen Systemtheorie mit kulturwissenschaftlichen Analyseverfahren der Rechtsanthropologie und Ethnologie, die eine mikrosoziologische Forschungsperspektive für transnationale Phänomene einnehmen, kombiniert. Im Unterschied zu herkömmlichen primär staatszentrierten Arbeiten zu Prozessen des gesellschaftlichen Konstitutionalismus, kann mit dieser synthetisierenden Blickrichtung ein innovativer Beitrag zur theoretischen Reflexion der rechtlichen, sozialen und kulturellen Dimension konstitutioneller Ordnungen unter den Strukturbedingungen der Globalisierung geleistet werden. Gleichzeitig kann damit auch ein Beitrag zur interdisziplinären Globalisierungsforschung vorgelegt werden.

Forschungsschwerpunkte

Theoretische Schwerpunkte: Soziologische Theorie; Rechtstheorie und Politische Rechtssoziologie grenzüberschreitender und Grenzen errichtender Institutionen; Vergleichende Globalisierungsforschung, sowie Theorie der Weltgesellschaft und Weltkultur; Wandel rechtlicher Vorstellungen in transnationalen und transregionalen Räumen; Soziologie der Menschenrechte; Gerechtigkeitsdiskurse im Kontext interkultureller Kommunikation und Globaler Konstitutionalismus. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Zusammenführung von soziologischen und kulturwissenschaftlichen Theorien des Rechts

Thematische Schwerpunkte: Transformationsprozesse von Gesellschaft, Politik und Recht unter den strukturellen Bedingungen der Globalisierung; Mechanismen der globalen Ideenverbreitung und ihre Auswirkungen auf lokaler Ebene am Beispiel der weltweiten Diffusion internationaler Straftribunale und Wahrheits- und Versöhnungskommissionen; Transnationalisierung und Transregionalisierung in den Ländern des Globalen Südens am Beispiel der weltweiten Ausbreitung von Normen, Standards und Institutionen der transitionalen Gerechtigkeit (Transitional Justice); lokale Politisierung universaler Normen am Beispiel des Menschenrechtsregimes der Vereinten Nationen; Emergenz eigenständiger Rechtsregime am Beispiel der transkulturellen Diffusion des erweiterten Gerechtigkeitskonzepts von Transitional Justice.

Regionale Schwerpunkte der empirischen Forschung: Euro-Mediterraner Raum, Nordafrika/Maghreb und der Nahe Osten; Ozeanien

Publikationen (Auswahl)

  • Transitional Justice in der Weltgesellschaft. Hamburg: Hamburger Edition 2015 (Habilitationsschrift)
  • From Globalization to World Society. Neo-Institutionalism and Systems-Theoretical Perspectives. New York: Routledge 2015 (zusammen mit Boris Holzer und Tobias Werron)
  • Niklas Luhmann. Law as a Social System. Oxford: Oxford University Press 2008 (zusammen mit Richard Nobles, David Schiff und Rosamund Ziegert)
  • Academia in Transformation. Scientific Views of the Arab Spring. Baden-Baden: Nomos Verlag 2017 (zusammen mit Sarhan Dhouib, Florian Kohstall und Carola Richter)
  • Lex Transitus: Zur Emergenz eines globalen Rechtsregimes von Transitional Justice in der Weltgesellschaft. In: Zeitschrift für Rechtssoziologie Band 36 (2015), Heft 1, S. 29-47
  • Weltkultur der Versöhnung: Zur Ausbreitung vergangenheitspolitischer Normen, Standards und Institutionen von Transitional Justice in der Weltgesellschaft. In: Claudia Fröhlich und Harald Schmid (Hrsg.), Jahrbuch für Politik und Geschichte Band 6. Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2016, S. 47-59.
  • Transitional Justice: Von der normativen Ausnahme zur weltpolitischen Regel. In: Klaus Ebeling et al (Hrsg.), Handbuch Friedensethik, Stuttgart: Springer Verlag 2016, S. 893-902
  • Globale Dissensformel: Zur politischen Macht der Menschenrechte aus weltgesellschaftlicher Perspektive. In: Erwägen, Wissen, Ethik. Forum für Erwägungskultur – Forum for Deliberative Culture, Jg. 24 (2013), Heft 2, S. 230-233
  • Retributive versus restaurative Gerechtigkeit. Zur transnationalen Diffusion von Wahrheits- und Versöhnungskommissionen in der Weltgesellschaft. In: Regina Kreide und Andreas Niederberger (Hrsg.), Staatliche Souveränität und transnationales Recht. München: Hampp Verlag 2010, S. 194-211
  • Soziologie der Menschenrechte: Zur Universalisierung von Unrechtserfahrungen in der Weltgesellschaft. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, Jg. 42, Heft 3. Wiesbaden: Springer Verlag 2017 (im Erscheinen)
  • The New Global Legal Regime of Transitional Justice: On the Worldwide Diffusion of Norms, Standards and Institutions of Post-Conflict Justice in World Society. In: Nina Schneider (Hrsg.), The Brazilian National Truth Commission in the Context of Latin America: Local, National and Global Perspectives. New York: Routledge 2017 (im Erscheinen)
  • Auf dem Weg zu einer Weltkultur der Versöhnung? Transitional Justice und die Versöhnungspolitik der Vereinten Nationen. In: Irene Dingel und Urszula Pekala (Hrsg.), Ringen um Versöhnung. Versöhnungsprozesse zwischen Religion, Politik und Gesellschaft. Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2017 (i. E.)